Interview mit HAS-Geschäftsführer Jörg Scheurer (Foto: privat)
HAS-Geschäftsführer Jörg Scheurer und sein Team widmen sich den komplizierten Entsorgungsfragen und beraten mit Erfahrung.
Foto: privat

Gefahrstoffhandling- und Entsorgung am Hamburger Hafen Jede Fracht eine Überraschung

Wenn im Hamburger Hafen gefährliche Stoffe auslaufen, erhöhte Gaskonzentrationen gemessen werden oder Behälter nicht mehr transportfähig sind, stehen Jörg Scheurer und sein 25-köpfiges Team bei Anruf parat. Als zertifizierter Entsorgungsfachbetrieb verfügt die Hamburger Abfallservice Schaerig GmbH über langjährige Erfahrung in der Abfallsammlung und -behandlung in Norddeutschland, vor allem als Spezialist für Sonderabfall- und Havariemanagement.

Guten Morgen, Herr Scheurer: Welche Abfälle werden am häufigsten durch die HAS in Hamburg entsorgt?

Wir entsorgen nicht nur in Hamburg, sondern auch in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Niedersachsen. In diesen Bundesländern holen wir von zahlreichen Kunden flüssige und feste gefährliche Abfälle ab. Dies geschieht in Gebinden wie ASP- oder ASF-Behältern, IBC-Containern, Big Bags und kleinen Tanks. Dabei handelt es sich überwiegend um Stückgut-Materialien. Als erfahrener Entsorger kümmern wir uns um alle anfallenden Stoffe der Gefahrgutklassen 2 bis 6, 8 und 9. Ausschließlich Gefahrgutklasse 1 (Sprengstoffe) und 7 (radioaktive Stoffe) können nicht durch die HAS abgeholt werden, da dies genehmigungsrechtlich am Standort nicht abzubilden ist. Aber als Consulter mit 30 Jahren Praxiserfahrung beraten wir auch zu diesen Klassen, empfehlen Maßnahmen und können entsprechend den Gesetzen und Verordnungen einen Transport vermitteln. Zu den häufigsten Abfällen, die bei uns angefragt werden, zählen Gefahrstoffe der Klasse 3 (Lösemittel), Klasse 6 (giftige Substanzen) und Klasse 8 (ätzende Substanzen).

Wer sind ihre Kunden und wie genau erfolgt die Abholung von gefährlichen Abfällen?

Wir haben viele wiederkehrende Kunden. Diese gehören überwiegend der Chemischen Industrie und der Petrolchemie an. Auch aus Laboren, Schulen und Universitäten holen wir innerhalb eines vereinbarten Turnus, bspw. einmal pro Woche, regelmäßig verschiedene gefährliche Abfälle ab. Oft erhalten wir aber auch Anfragen von Erstklienten, die unsere Dienstleistungen benötigen. Handelt es sich nicht ausschließlich um Standardabfälle, die wir entsorgen sollen, begutachten wir beim Kunden vor Ort die Lage und erstellen im ersten Schritt ein Konzept über die Abfallaufnahme und die sichere Lagerung (z. B. in Gefahrstoffschränken).

Von unserer Seite wird dem Auftraggeber mitgeteilt, welche Behälter und Umverpackungen die jeweilige Abfallart gesetzeskonform abverlangt. Wir beraten auch in wichtigen Fragen zu Sicherheitsmaßnahmen für Lagermitarbeiter. Nach der Planung folgt dann die korrekte Abholung gemäß ADR. Unsere LKW sind als Rüstwagen ausgestattet und haben unterschiedliche Gebinde sowie alle notwendigen Verpackungsmaterialien, Paletten, Dämmstoffe und Stretchmaterialien an Bord, um die gefährlichen Abfälle für den Transport auf der Straße zu sichern. Unsere Kunden vertrauen uns, dass ihr Gefahrgut fachgerecht und ordnungsgemäß umgefüllt, bewegt und entsorgt wird. Selbstverständlich kümmern wir uns um die korrekte Deklaration, alle notwendigen Papiere, wie etwa Entsorgungsnachweise, Zulassungen und Zertifikate, die auch regelmäßig von der Polizei kontrolliert werden. Im vorletzten Schritt des Entsorgungskreislaufs landet jegliches Gefahrgut erst einmal in unserem Zwischenlager. Hier werden die Stoffe ggf. vorbehandelt, um dann in größeren Transporten zeitnah der Entsorgungsanlage oder – wenn möglich – dem Recycling zugeführt zu werden.

Warum betreibt die HAS eine Chemikalienbörse?

Unsere Chemikalienbörse ist eine Plattform für originalverpackte Chemikalien, die wir von Kunden erhalten, die keine Verwendung mehr für sie haben. Hin und wieder erhalten wir Anfragen für Substanzen, die wir vermitteln können. Deshalb haben wir die HAS-Chemikalienbörse eingerichtet. So können bspw. Gewerbebetriebe oder Bildungseinrichtungen Anbieter und Nutzer von Börsenchemikalien werden. Dazu reicht die telefonische Kontaktaufnahme mit uns. Bei den Chemikalien muss es sich um ungebrauchte, nicht verunreinigte Produkte in originalverpackten Gebinden handeln. Wir können dann schnell entscheiden, ob die angefragte Chemikalie in unserer Chemikalienbörse aufgenommen und anderen Nutzern zur Verfügung gestellt werden kann. So besteht auch die Möglichkeit, eine teure und ggf. unnötige Entsorgung zu vermeiden und die Chemikalien einer Wieder-/ Weiterverwendung zuzuführen.

Jörg Scheurer

  •  Abitur in Köln, anschließend kaufmännische Ausbildung
  •  Einkauf und Vertrieb bei der Richard Buchen Umweltservice GmbH
  •  Wechsel im Beteiligungsbereich der Richard Buchen GmbH
  •  Veränderung zur Eckelmann Gruppe als Geschäftsführer, Bereich Umweltschutz
  •  seit 2016 HAS-Geschäftsführer

Was zeichnet die HAS über die Beratung und den Full-Service-Gedanken hinaus aus?

Ich denke unser Alleinstellungsmerkmal ist vor allem unsere Flexibilität. Heute angefragt, bekommt der Kunde zeitnah ein Angebot und die Option, sehr schnell durch uns zu entsorgen. Gerade, wenn es sich um gefährliche Abfälle handelt, besteht häufig dringender Handlungsbedarf. Für Unfälle oder Havarien haben wir außerdem seit vielen Jahren eine 24-Stunden-Hotline etabliert, um dem Kunden auch in diesen schwierigen Situationen zur Seite zu stehen. Praktisch sieht das so aus, dass unser Telefon rund um die Uhr besetzt ist und sich auch nachts ein Mitarbeiter um die Havarie kümmert. Meist handelt es sich dann um beschädigte Behälter, bei denen gefährliche Stoffe austreten. Innerhalb kurzer Zeit sind wir mit passendem Equipment (z. B. Auffangbehältern und persönlicher Schutzausrüstung) beim Kunden, können sehr schnell helfen und so den Schaden beheben.

In unserem Einzugsgebiet spielt der Hamburger Hafen eine prägnante Rolle. Schadensfälle ereignen sich hier z. B. durch Sturm auf hoher See innerhalb von Containerladungen. Dann heißt es für uns, die schadhaften Behältnisse zu bergen, zu sichern oder neu umzupacken, damit die Ware, die hier meist nur umgeschlagen wird, auch weiter verschifft oder verfahren werden kann. Das Havariemanagement hat sich daher zu einem unserer Schwerpunkte entwickelt.

Schildern Sie doch einmal mittels erfüllter Aufträge vor welchen Herausforderungen Sie in diesen speziellen Entsorgungsfragen am Hamburger Hafen stehen?

Zunächst muss ich betonen, dass wir eine hervorragende Zusammenarbeit mit dem Hamburger Hafen pflegen, vor allem mit den Terminalbetreibern und der Wasserschutzpolizei, die selbst professionell geschult sind und dem Kunden vor Ort helfen können, falls es zu einem Schadensfall im Hafen kommt.

Makler und Reedereien, die Waren mit Frachtschiffen transportieren, managen jegliche Art von Gefahrgütern. Kontrolliert wird der korrekte Transport durch die Wasserschutzpolizei Hamburg, die Container, deren Inhalte sowie Papiere und die Deklaration prüft. In Containern befindliche Gefahrgüter bekommen einen speziellen Platz auf dem Schiff zugewiesen, damit der Kapitän weiß, wo seine gefährliche Fracht lagert. Diese Sicherheitsmaßnahme ist erforderlich, damit hier im Notfall zuerst gelöscht wird. Kommt also ein tropfender Container vom Schiff oder wird bei einer Kontrolle Gefahrgut-Austritt festgestellt, ist Eile geboten. Hier stehen wir als HAS, die dann als Dienstleister gerufen wird, oft vor Herausforderungen. Keine Fracht und keine Bergung ist wie die andere. Neulich erwartete uns ein Schiff mit einem mit Klebstoff gefüllten Container, der explosive Gas-Luft-Gemische im Inneren bildete. Ein Zündfunke hätte gereicht, um den Behälter zum Explodieren zu bringen. Nach mehrfachem Lüften und Freimessen konnte dieser geöffnet werden. Oft müssen Chemiker vor Ort eine Schadstoffmessung veranlassen, damit genau analysiert werden kann, welche Gefahr hinter den Türen auf uns wartet. Wenn wir zu einer Havarie gerufen werden, führen wir in unserer Ausstattung auch immer Chemie- und Ölbindemittel mit, um ggf. ausgetretene Flüssigkeiten schnell aufnehmen zu können.

Wissen Sie – bis auf die geschilderten Ausnahmen – immer mit welchen gefährlichen Abfällen Sie es zu tun haben?

Normalerweise gibt es für jede Substanz ein Sicherheitsdatenblatt (Safety Data Sheet), das u. a. Informationen, Klassifizierung und Hinweise zum Umgang enthält, die dem Schutz des Menschen und der Umwelt dienen. Selten passiert es, dass wir zwar wissen, dass es sich um einen gefährlichen Abfall oder Stoff handelt, aber eine Analyse notwendig wird, um unbekannte Stoffe und Gemische zu identifizieren und die daraus resultierenden Maßnahmen einzuleiten. Diese Analyse können wir z. T. in unserem eigenen Labor vornehmen. Es gibt aber auch viele Abfälle und Stoffe, bei denen zwar die Zusammensetzung klar ist, die aber in Verbindung mit anderen Stoffen und sei es nur an der Luft, spontan reagieren oder sich zu Gemischen vereinen, die erst gefährlich werden.

Welche Herausforderung sehen Sie hinsichtlich der Abfallentsorgung zukünftig?

Die Herausforderungen liegen vor allem in der Aufklärung. Sehr häufig ist dem Kunden nicht klar, dass er als Abfallerzeuger die volle Verantwortung für die sichere Entsorgung seiner Sonderabfälle trägt. Weiß er einen Experten an seiner Seite, kann er sich auf dessen Beratung verlassen und muss nicht jedes Gesetz und jede Verordnung kennen. Deshalb ist Abfallentsorgung Vertrauenssache. Der Abfallerzeuger ist sich oft nicht bewusst, wie komplex Kreislaufwirtschaft und Entsorgung ist und welche Verpflichtungen er dabei selbst hat. Wir pflegen daher nicht nur als Transporteur mit dem Kunden unsere Beziehung, sondern in erster Linie als Abfallberater. Wir informieren den Kunden vollumfänglich: angefangen bei einem Konzept zur richtigen Lagerung, der korrekten Beschriftung über alle Entsorgungspapiere bis hin zu Sicherheitsvorkehrungen.

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