Familienunternehmen in dritter Generation – Geschäftsführer Frank Große-Vehne (links im Bild) und Speditionsleiter Michael Raukamp (Foto: Sonderabfallwissen)
Familienunternehmen in dritter Generation – Geschäftsführer Frank Große-Vehne (links im Bild) und Speditionsleiter Michael Raukamp
Foto: Sonderabfallwissen

Gefahrgut auf deutschen Straßen Strukturierte Disposition, Fahrtraining und Fuhrpark mit Spezialequipment

Rund 90 speziell ausgestattete Lkw aus dem modernen Fuhrpark des Speditionsunternehmens „Große Vehne Transporte und Speditions GmbH“ transportieren täglich bis zu 1.500 Tonnen Abfall auf bundesweiten Straßen. Wir fragen Speditionsleiter Michael Raukamp nach dem Patentrezept hinter einer gut funktionierenden Logistik und sprechen über Aufgaben einer Disposition, die Ausbildung von Gefahrgut-Fahrern und aktuellen Herausforderungen beim Bewegen gefährlicher Abfälle.

Schildern Sie uns bitte kurz, in welcher Funktion Sie für das Speditions- und Transportunternehmen Große-Vehne tätig sind und was zu Ihren Aufgaben gehört.

Als Speditionsleiter ist es meine Hauptaufgabe, die Fahrzeugdisposition zusammen mit meinem fünfköpfigen Team zu organisieren. Zu meinen weiteren Tätigkeiten gehören neben den engen Kundenkontakten auch die Planung von neuen Projekten, der Personaleinsatz und das Abfallmanagement.

Michael Raukamp

  • kaufmännische Ausbildung
  • ab 1988 Disponent bei der Spedition Große-Vehne Transporte und Speditions GmbH
  • seit 2013 Speditionsleiter bei Große-Vehne Transporte und Speditions GmbH

Große-Vehne ist mit einer Flotte von 90 Lkw als Spezialist in den Bereichen Gefahrgut, Abfall, Schrott, Baustoffe und Papierrollen unterwegs. Wie baut man so ein Unternehmen auf, welche Branchen nutzen Ihren Tansport-Service und wer zählt zu Ihren Kunden?

Die Große-Vehne Transporte und Speditions GmbH ist ein mittelständiges Familienunternehmen, das in dritter Generation auf eine über 80-jährige Firmengeschichte zurückblicken kann. In der Geschichte des Unternehmens hat sich in den Bereichen Transport und Baustoffhandel bei uns eine kundenorientierte Kernkompetenz etabliert. Insbesondere als zertifizierter Entsorgungsfachbetrieb sind wir auf Abfall- und Gefahrguttransporte spezialisiert. Mit unseren individuellen und kundenspezifischen Transportdienstleistungen bedienen wir unsere Kunden, zu denen namhafte Produzenten der Metall-, Papier-, Zement- und Bauindustrie sowie führende Unternehmen der Abfall-
und Kreislaufwirtschaft gehören. Was sich heute als vielseitiger Logistikdienstleister mit einem modernen Fuhrpark darstellt, hat vor genau 85 Jahren mit nur einem Pferdefuhrwerk begonnen. Damals sammelte Firmengründer Hermann Große-Vehne die Milch der anliegenden Höfe der Nachbarschaft und belieferte damit die Molkerei in Rhede. 1960 steigt Bernhard Große-Vehne mit ins Unternehmen ein und erweitert in den folgenden Jahren das bisherige Tätigkeitsfeld um landwirtschaftliche Produkte und Baustoffe, weitere Mitarbeiter wurden eingestellt, die Räumlichkeiten erweitert. Im Rahmen einer immer größer werdenden Nachfrage nach Gefahrguttransporten haben wir uns im Jahr 2001 als Entsorgungsfachbetrieb gemäß §52 des Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetzes zertifizieren lassen. Seitdem sind wir berechtigt, gefährliche Abfälle aus dem Europäischen Abfallkatalog als Beförderer zu transportieren. 2013 übernahm dann Frank Große-Vehne als Geschäftsführer die Firmenleitung der Große-Vehne Transporte und Speditions GmbH.

Welche Abfälle fallen bei den Transporten genau an und welche werden davon als gefährlich eingestuft? Welche Abfallschlüsselnummern finden häufig Verwendung?

Wir befördern täglich ca. 1.000 bis 1.500 Tonnen Abfälle, hier unterscheiden wir zwischen „nicht nachweispflichtigen“ bzw. „nachweispflichtigen Transporten“. Bei den „nicht nachweispflichtigen Transporten“ in loser Schüttung ist die größte Tonnage der Abfallschlüssel 17 05 04 (Boden und Steine). Bei den „nachweispflichtigen Transporten“ in loser Schüttung befördern wir hauptsächlich gefährliche Abfälle, hier ist der Abfallschlüssel zusätzlich mit einem (*) versehen. Die häufigsten Abfallschlüssel in loser Schüttung sind Abfälle aus der mechanischen Behandlung (19 12 11*) oder aus der physikalisch-chemischen Behandlung (19 02 04*) und Reaktions- und Destillationsrückstände (07 01 08*). Im Bereich Stückguttransporte transportieren wir überwiegend den Abfallschlüsselnummer 15 01 10*, das sind Verpackungen, die Rückstände gefährlicher Stoffe enthalten.

Wie läuft der gesamte Prozess der Abholung und des Transports genau bei Ihnen ab? Und was unterscheidet Ihr Familienunternehmen von anderen Spediteuren aus der „normalen“ Logistik?

Wir haben die Disposition bzw. die Auftragsannahme in drei Bereiche (Silo, Kipper und Plane) aufgeteilt. In der Regel werden die Abfalltransporte eine Woche im Voraus bestellt, die Auftragserfassung in das Speditionsprogramm sowie die Tourenvergabe an die Fahrer übernimmt der jeweilige Disponent. Dieser Mitarbeiter kann die Fahranweisungen an die Fahrer elektronisch oder auch telefonisch übermitteln. Bei Abfalltransporten melden die Fahrer nach der Beladung alle wichtigen Sendungsdetails zurück. Sollte der Transport begleitscheinpflichtig sein, übernimmt der Disponent die Signatur und versendet den Begleitschein an die jeweilige Entsorgungsanlage. Der Disponent hat die Möglichkeit über
sein Flottenmanagement den gesamten Transportverlauf sowie auch die Lenk- u. Ruhezeiten der Fahrer zu überwachen und kann gegebenenfalls bei Problemen eingreifen.
Als Familienunternehmen sind wir trotz einer gewissen Größe bemüht, im Rahmen unserer Möglichkeiten auf die unterschiedlichen Bedürfnisse unserer Mitarbeiter einzugehen. Ganz alltäglich zeigt sich die gegenseitige Wertschätzung in der Kommunikation zwischen Fahrer und Disponent, die entgegen einer branchenüblichen Tendenz zum Auftragsmanagement via Telematik weiterhin über das altbewährte Telefon erfolgt. Wir reden miteinander. Die direkten Informationen und Einschätzungen unserer Fahrer und damit der Personen vor Ort sind enorm hilfreich für die Disposition. Wir wollen somit möglichst nah dran sein am Geschehen und damit im Sinne unserer Kunden gewissenhaft die richtigen Entscheidungen treffen. Zwar wollen auch wir als Familienbetrieb Geld verdienen, um nachhaltigen Unternehmenserfolg zu schaffen und Arbeitsplätze zu sichern, aber wir sehen uns dabei nicht als margengetriebenes Unternehmen. Vielmehr wollen wir langfristige Geschäftsbeziehungen mit unseren Kunden aufbauen und einen gemeinsamen Weg gehen.

Welche Herausforderungen ergeben sich beim Transport von gefährlichen Abfällen und warum?

Als Beförderer von Abfällen bzw. gefährlichen Abfällen unterliegen wir strengen Vorschriften. Besondere Überwachungs- und Kennzeichnungspflichten sowie Sondervorschriften bei Ladungssicherung und sicherheitsrelevante Aspekte bei gefährlichen Gütern gilt es zu beachten. Darüber hinaus müssen die Vorschriften im Rahmen von Notifizierungen und Wegvorgaben eingehalten werden. Den besonderen Anforderungen und strengen Wettbewerbsbedingungen begegnen wir mit speziell geschultem und erfahrenen Fahrpersonal. Außerdem ist unser eigener Anspruch an den eingesetzten Fuhrpark entsprechend hoch. Besondere Ladungssicherungszertifikate (Oktabin, Getränke, XXL) oder Spezialequipment (hydraulische Verriegelungen, schwer entflammbare Planen und Arbeitskleidung) sind für einen einwandfreien Transport gefährlicher Abfälle unumgänglich. Die Bewältigung eines täglichen Transportvolumens von ca. 1.000 bis 1.500 Tonnen Abfall ist allerdings nicht nur für Fahrer und Fuhrpark eine Herausforderung. Die entsprechende Planung und Verwaltung durch die Disposition und Administration will bewältigt werden. Auch hier gilt es die jeweiligen Anforderungen mithilfe von Genehmigungen und Zertifikaten (Entsorgungsfachbetrieb, Abfalltransportgenehmigung diverser europäischer Länder) sowie Weiterbildungen und Schulungen (bspw. zum Gefahrgutbeauftragten) zu erfüllen. Damit sind wir in der Lage, sämtliche Abfälle, gefährliche Abfälle und auch Tierkörperverwertung Kat. 1-3 europaweit zu befördern.

Wie gelingt es, stets flexibel und schnell bei Anruf reagieren zu können?

Grundsätzlich ist Flexibilität unsere Stärke. Der enge Kontakt zu unseren Kunden und Fahrern liefert enorme Erfahrungswerte. Dabei helfen langjährige Beziehungen zu Auftraggebern, bestimmte Situationen besser einschätzen zu können. Aufgrund einer gewissen Fuhrparkgröße ist man generell in der Lage, kurzfristig auf eine veränderte Auftragslage zu reagieren. So können Fahrer bzw. Fahrzeuge aus unterschiedlichen Bereichen (Silo, Plane, Kipper etc.) verschoben werden, um vorübergehend Kapazitäten für größere Aufträge aufzubauen.

Gibt es Leitlinien, Handlungsempfehlungen oder Schulungen für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um über den Umgang mit gefährlichen Stoffen bzw. Abfällen zu informieren?

Die Organisation und Umsetzung unserer internen Weiterbildungen und Schulungen übernimmt unser Fahrertrainer. Die gesetzlich vorgeschriebenen Weiterbildungen gem. Berufskraftfahrerqualifikationsgesetz werden vorwiegend in internen Schulungen durchgeführt. Wir sind gerade im Genehmigungsverfahren zur Anerkennung einer staatlichen Ausbildungsstätte und erweitern somit unsere Schulungsmöglichkeiten. Die spezifischen Schulungen im Rahmen der Gefahrgutbeförderung finden allerdings extern bei unserem Gefahrgutbeauftragten statt. Die Leitlinien und Handlungsempfehlungen werden in verschiedenen Handbüchern dokumentiert. Die jeweiligen Maßnahmen wie Einarbeitungen, Unterweisungen, Kontrollen, Unfallverhütungsvorschriften (UVV) sowie Betriebs- und Arbeitsanweisungen werden regelmäßig durchgeführt und dokumentiert.

Inwiefern spielen Recycling und das Prinzip der Kreislaufwirtschaft bei Große-Vehne eine Rolle? Wie sieht das in der Praxis aus?

Als zertifizierter Entsorgungsfachbetrieb ist das Thema Recycling und Kreislaufwirtschaft sicherlich immer von Bedeutung. Wir sind zwar kein klassischer Entsorger, sind aber als Beförderer täglich mit unseren Kunden der Entsorgungswirtschaft in Kontakt, ob mit unseren Fahrern und Fahrzeugen vor Ort oder per Telefon mit den jeweiligen Auftraggebern. Insofern sind wir mit dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft vertraut und auch wir sind uns der Verantwortung im Zusammenhang mit knappen Ressourcen bewusst. Und so sammeln wir – in unserem kleinen Rahmen – an diversen Sammelstellen (Batterien, Papier, Öl, Schrott etc.) entsprechend einer Kreislaufwirtschaft sowie Aufbereitung und Wiederverwendung.

Wie finden Sie immer wieder qualifiziertes Fahrpersonal und MitarbeiterInnen, die Ihren professionellen Ansprüchen genügen?

Zwar erfahren die als systemrelevant eingestuften Transportunternehmen und insbesondere die Lkw-Fahrer gerade in Zeiten des Lockdowns eine bislang nicht gekannte breite gesellschaftliche Anerkennung, aber die Transportbranche sucht weiterhin händeringend nach Berufskraftfahrern. Die führenden Logistikverbände plädieren für eine Vereinfachung des Anerkennungsverfahrens bei Ausbildungsbetrieben für interne Schulungen und bei Berufsqualifikationen von Drittländern im Rahmen einer Fachkräftezuwanderung. Das Problem Fahrermangel hat sich in letzter Zeit nur geringfügig entspannt. Insbesondere Fahrer mit weiterführender Qualifikation, wie z.B. Gefahrgutfahrer, sind Mangelware. Auch wir haben Probleme, qualifiziertes Personal zu bekommen und müssen entsprechend handeln. So werden Fahranfänger zunächst als Nahverkehrsfahrer in unseren Baustoffverkehren eingesetzt. Dann wartet man die weitere Entwicklung und Ambitionen des Fahrers ab. Nach einer ersten Einarbeitungsphase und weiteren Schulungen können Fahrer mit einer gewissen Erfahrung dann für Transporte von gefährlichen Abfällen eingesetzt werden. Dabei sind wir stets um gutes Arbeitsklima bemüht, sodass wir auf eine positive Mund-zu-Mund-Propaganda zwischen den Fahrern bauen.

Wie sehen Sie persönlich die Zukunft von spezialisierten Spediteuren und den Transport von gefährlichen Gütern auf der Straße?

Beim Transportgewerbe handelt es sich um einen Markt mit geringen Marktzutrittsbarrieren, der von starkem Wettbewerb geprägt ist. Hinzu kommt ein enormer internationaler Preisdruck. Insbesondere durch ost- bzw. südosteuropäische Wettbewerber. Die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in der jeweiligen Kostenstruktur bestimmen die Frachtkalkulationen. Dabei erhöht eine auf niedrigeren Lohnkosten basierende ausländische Konkurrenz den Druck auf das bestehende Frachtniveau. Dies ist vor dem Hintergrund steigender Lohnkosten deutscher Unternehmen problematisch. Eine mögliche Strategie, diesem enormen Wettbewerbsdruck zu umgehen, liegt in der Konzentration auf Marktnischen. Durch die Spezialisierung unserer Dienstleistung auf Gefahrgut- und Silobaustofftransporte versuchen wir uns von der breiten Masse abzugrenzen. Die Transport- und Logistikbranche steht, wie viele andere Branchen, unter großem gesellschaftlichen und politischen Druck, die Kohlendioxid (CO2)-Emissionen zu senken. Dabei arbeiten Transportunternehmen allein aus betriebswirtschaftlichen Gründen schon seit Jahren darauf hin, ihre Fuhrparks möglichst ökologisch und ökonomisch sinnvoll auf energieeffiziente und damit auf emissions- und CO2-arme Fahrzeuge umzustellen. Insoweit bekennen wir uns zu den ehrgeizigen Klimaschutzzielen und zeigen Bereitschaft, einen Betrag zur CO2-Reduzierung zu leisten. Gleichermaßen ist eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung erforderlich, denn Klimaschutz und CO2-Reduzierung ist mit einem gewissen Aufwand verbunden und nicht zum Nulltarif zu haben. Dies zeigt sich ab dem 01.01.2021 mit der Einführung der CO2-Umlage, wodurch sich die Kraftstoffpreise in den nächsten Jahren nochmals deutlich verteuern werden. Um die Wettbewerbsfähigkeit deutscher
Transportunternehmer nicht zu gefährden, die die Klimaziele der Bundesregierung und damit die CO2-Reduzierung in geplanter Größenordnung umsetzen sollen, bedarf es Unterstützung seitens Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

 

Vielen Dank für das Interview.

Alle Angaben ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit