Carsten Spohn, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (ITAD e.V.)
Carsten Spohn, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (ITAD e.V.)
Foto: ITAD

Thermische Abfallbehandlung und Klimaschutz "Wir sind nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung."

Mit etwa 670 Verbrennungsanlagen in Deutschland gehört die thermische Abfallbehandlung nicht nur zur Entsorgungsbranche, sondern trägt auch zur nachhaltigen Energieversorgung bei. Ihren schlechten Ruf wird die Branche damit aber nicht los. Im Interview erzählt Carsten Spohn, Geschäftsführer der ITAD (Interessengemeinschaft der Thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland e. V.), warum Zero-Waste-Konzepte oft die thermische Abfallbehandlung ignorieren, dass Verbrennung auch zur Kreislaufwirtschaft gehört und welchen Beitrag sie als Energielieferant spielt.

Sehr geehrter Herr Spohn, über 80 thermische Abfallbehandlungsanlagen (TAB) mit rund 92% der bundesdeutschen Behandlungskapazität sind Mitglied der ITAD. Welche Aufgaben übernimmt der Verband genau?

Als Interessenvertreter des überwiegenden Teils der Siedlungsabfallverbrennungsanlagen in Deutschland sowie einer Vielzahl von EBS-Kraftwerken informieren wir unsere Mitglieder über aktuelle Gesetzgebungsverfahren und vertreten diese auch in Europa innerhalb der Dachverbände gegenüber der Europäischen Kommission, z. B. bei den Themen Klimaschutz und Emissionshandel.

Neben der umfassenden Mitgliederarbeit haben wir uns auch das Ziel gesetzt, Politik, Presse und Öffentlichkeit über Vorteile des Verfahrens zu informieren. Die thermische Abfallbehandlung ist Grundpfeiler einer modernen Kreislaufwirtschaft und kann vor dem Hintergrund von Klimaschutz und Nachhaltigkeit zu einem effizienten Umgang mit Ressourcen beitragen. Auf europäischer Ebene ist vor allem Deponieausstieg ein Thema für uns.

Wie hoch ist unter ihren Mitgliedern der Anteil an Verbrennungsanlagen für Sonderabfall und Hausmüll?

Wenn man sich nur auf die Genehmigungssituation der Anlagen bezieht, dann haben wir 99,99% klassische Müllverbrennungsanlagen und EBS-Kraftwerke und eine reine Sonderabfallverbrennungsanlage. Aber rund die Hälfte unserer Mitglieder dürfen in beschränkten Umfang gefährliche Abfälle mitverbrennen. In der Regel sind das Hausmüll-ähnliche gefährliche Abfälle, wie Verpackungen mit Restanhaftungen oder Filtermaterialien. Also all das, was man üblicherweise auch in der Restmülltonne finden kann. Dafür haben die Anlagen auch eine Genehmigung. Hierbei geht es allerdings um vergleichsweise geringe Mengen. Diese sind auch tendenziell eher rückläufig, weil die Anlagen mit den klassischen Abfällen gut ausgelastet sind.

Carsten Spohn

  • Studium der thermischen Verfahrenstechnik und Umweltverfahrenstechnik
  • 1995 bis 1997: Projektleitung beim Bau und der Inbetriebnahme eines modernen Abfallentsorgungszentrums (Kreis Weseler Abfallgesellschaft)
  • 1997 bis 2007: Abteilungsleiter Abfallwirtschaft (Kreis Weseler Abfallgesellschaft)
  • Seit 2007: Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (ITAD e. V.) und Vizepräsident sowie Mitglied mehrerer Arbeitsgruppen der CEWEP (Confederation of European Waste to Energy Plants)
  • Internationaler Experte im Bereich Abfallwirtschaft im Auftrag von z. B. BMU (Bundesumweltministerium), UBA (Umweltbundesamt) und GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit)

Wann muss ein gefährlicher Abfall in die reine Sonderabfallverbrennungsanlage und wann darf er mit dem normalen Hausmüll verbrannt werden?

Zum einen hängt das von der Konsistenz ab. Bei der Verbrennung von flüssigen und pastösen Abfällen wird man in der Rost- oder Wirbelschichtfeuerung keinen Erfolg erzielen. Aber auch beim Schadstoffgehalt muss man natürlich sehr genau hinschauen. Die meisten klassischen Müllverbrennungsanlagen haben eine Annahmebegrenzung, was den Schadstoffinput angeht. Vielfach wird dabei der zwei- bis dreifache Gehalt an Schadstoffen gegenüber dem durchschnittlichen Hausmüll angesetzt. Gefährliche Abfälle werden separat angeliefert, mit dem übrigen Müll im Müllbunker zur Vergleichmäßigung des Verbrennungsinput gemischt. Die Rauchgasreinigungsanlagen der verschiedenen Verbrennungsanlagen funktionieren im Prinzip sehr ähnlich, allerdings sind die Abgasreinigungen von Sonderabfallverbrennungsanlagen für den höheren zugelassenen Schadstoffgehalt im Abfallinput ausgelegt.

Die Müllverbrennung hat vor dem Hintergrund des Klimaschutzes einen schlechten Ruf. Vielerorts gibt es Bemühungen, Zero-Waste-Vorhaben zu realisieren. Wo findet die thermische Abfallbehandlung da ihren Platz?

Die klassischen Zero-Waste-Konzepte basieren auf der Vision, dass wir keinen Abfall mehr haben. Das ist nicht realistisch. Wir werden immer auch Abfälle haben, die wir nicht stofflich verwerten können. Ich finde die DIN SPEC 91436 spiegelt dies sehr gut wider, denn hier wird die energetische Verwertung von Abfällen als elementarer Bestandteil der Zero-Waste-Vision und somit auch der Kreislaufwirtschaft betrachtet. In der politisch-ideologischen Diskussion wird die Verbrennung aber als Teil der nachhaltigen Abfallwirtschaft abgelehnt und entsprechende Ziele formuliert im Stil von: Bis 2050 dürfen nicht mehr als 10 oder 5% der Abfälle in die Verbrennungsanlage gehen. Aber selbst von einer stofflichen Verwertungsquote von 80% sind wir heute für gemischten Siedlungsabfall noch sehr sehr weit entfernt. Da stellt sich mir die Frage, wie sachgerecht und erfüllbar solche Konzepte sind bzw. wie man ohne Senken für stofflich nicht verwertbare Abfälle oder Sortierreste auskommen will. Der Rückschritt zur Deponierung kann hier ja offensichtlich nicht die Lösung sein.

Aber es geht auch anders – ein wirklich positives Beispiel ist die Stadt Kopenhagen: Hier ist die erst kürzlich in Betrieb genommene Müllverbrennungsanlage, die dem neuesten Stand der Technik entspricht, Teil des Zero-Waste-Konzepts – und zwar ohne Beschränkungen. Da heißt es: Wir wollen uns bis 2050 für den Teil der Abfälle, die energetisch verwertet werden müssen, auf das notwendige Minimum reduzieren. Das ist eine Aussage, mit der ich mitgehen kann.

Ist schon einmal jemand auf Sie zugekommen, um Sie als Partner in die Entwicklung eines Zero-Waste-Konzepts einzubeziehen?

Auf uns kommt diesbezüglich eher selten jemand zu. Wir beraten hauptsächlich unsere Mitglieder und entsprechende Arbeitsgruppen, wie man Bürgern und Kommunen am besten kommuniziert: Wir sind nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung. Es wird z. B. gern vergessen, dass die thermische Abfallverwertung die größte Erneuerbare-Energien-Quelle im Bereich Wärmeversorgung ist.

Auf europäischer Ebene haben wir versucht, mit Zero Waste Europe (ZWE) sachgerecht zu diskutieren, allerdings wenig erfolgreich. Da sind die ideologischen Gräben extrem groß. Die großen weltweiten NGOs, die im Hintergrund mitmischen, kritisieren vollkommen zu Recht nicht funktionierende Abfallwirtschaft, aber auch Müllverbrennung in Dritte-Welt- oder Schwellenländern, machen aber leider keinen Unterschied zu einer effizienten Verbrennung wie wir sie hier in Europa haben.

Was passiert mit gefährlichen Abfällen in der ganzen Zero-Waste-Debatte?

Die Sonderabfallverbrennung ist nochmal ein anderes Level. Wir haben leider viele Stoffe, die in bestimmten Formen gefährlich, aber für die Herstellung wichtiger Produkte notwendig sind. Für die hierbei entstehenden gefährlichen Abfälle brauchen wir zwangsläufig – auch auf lange Zeit – die thermische Abfallbehandlung. Am Beispiel der Niederlande sieht man ganz gut, was passiert, wenn es keine Sonderabfallverbrennungsanlage mehr gibt: Das Land muss seinen Sonderabfall exportieren oder so gut wie es geht in der Hausmüll-Verbrennungsanlage unterbringen. Ein Land sollte aber prinzipiell in der Lage sein, gerade auch bei gefährlichen Abfällen eine eigene Versorgungssicherheit und Abfallbeseitigung zu gewährleisten. Das müssen Zero-Waste-Konzepte berücksichtigen.

Die ITAD arbeitet seit dem Umzug der Geschäftsstelle von Würzburg nach Düsseldorf im Jahr 2014 nach ambitionierteren Nachhaltigkeitskriterien und ist der erste klimaneutrale Verband der Abfallwirtschaft. Wie sieht Ihre Nachhaltigkeitsstrategie aus?

Seit 2019 haben wir eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie. Damals haben wir uns intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt und stellen vor dem Hintergrund der Sustainable Development Goals (SDGs) fest: Unsere Branche ist bereits heute schon ziemlich nachhaltig. Das wollen wir als Verband auch so darstellen und Sachverhalte zum Thema unseren Mitgliedern für ihre öffentliche Kommunikation mitgeben. Diese können auch unsere Vorgaben zur Nachhaltigkeitsstrategie für ihre Zwecke als Vorlage nutzen und standortspezifisch weiterentwickeln.

In diesem Rahmen haben wir eine ITAD-Nachhaltigkeits-Visitenkarte entwickelt. Hier findet man kurz und knapp Informationen zur Frage: Was macht die ITAD in Sachen Nachhaltigkeit? Einige Mitglieder haben diese Nachhaltigkeitsvisitenkarte bereits ebenfalls eingeführt. Darüber hinaus haben wir für den Verband eine DNK-Zertifizierung angestoßen und ermutigen auch unsere Mitglieder dazu, im Zuge ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung daran teilzunehmen.

In Bezug auf die SDGs werden wir einen Branchenleitfaden für unsere Mitglieder erarbeiten und zur Verfügung stellen. Außerdem werden wir weitere Nachhaltigkeitsprojekte fortführen und weiterentwickeln, wie z. B. bei der ökologischen Gestaltung von Betriebsgeländen der Mitglieder.

Was die ITAD selbst angeht, stellen wir uns komplett klimaneutral auf, vom Privatwagen der Mitarbeiter über die Geschäftsstelle bis hin zur nachhaltigen Beschaffung. Die unvermeidlichen fossilen CO2-Emissionen kompensieren wir dabei. Außerdem prüfen wir gerade die Idee zur Erweiterung der CO2-Kompensation für Mitglieder analog zur Co2-Kompensation für die ITAD-Verwaltung.

Was ist aber mit den Emissionen, die durch Abfallverbrennungsanlagen erzeugt werden? Von Klimaschutz kann hier doch nicht die Rede sein.

Da muss man unterscheiden. Nehmen wir zuerst einmal die Emissionen von klassischen Luftschadstoffen, also das, was gesetzlich geregelt ist: u. a. Dioxine, Furane, Quecksilber und Stickoxide. Hier ist die Branche der Abfallverbrenner eine der am besten überwachten Branchen überhaupt. Die Geräte werden regelmäßig kalibriert durch externe Sachverständige, die Emissionen kontinuierlich gemessen. Wir sind eine der wenigen Branchen, die ihre Emissionen auch in der An- und Abfahrphase messen und während einer Betriebsstörung Emissionsgrenzwerte einhalten müssen. Was die Schadstoffbelastung angeht, spielen wir keine Rolle in Deutschland. Das sagen nicht nur wir, das wird uns auch von Externen, u. a. vom Bundesumweltministerium oder dem Umweltbundesamt, bestätigt.

Beim Thema Klimaschutz ist das schon ein bisschen anders. Da kann man diskutieren, welcher Betrachtungsrahmen gesetzt wird. Betrachtet man über die eigentliche Verbrennungsanlage hinaus auch die Substitutionseffekte für Energieerzeugung und Metallverwertung außerhalb der Anlage, entlasten unsere Mitglieder das Klima im Jahr 2020 um knapp 7,4 Mio. t CO2-Äquivalente. Wenn ich mir eine Müllverbrennungsanlage in einem eng gefassten Betrachtungszeitraum anschaue, kann ich natürlich sagen: Da geht Abfall rein, der enthält ungefähr 50% fossilen und 50% biogenen Kohlenstoff. Bei der Abfallverbrennung entsteht dann pro Tonne gemischtem Abfall circa eine Tonne CO2, was am Ende eine Emission von ungefähr 500 Kilogramm fossilen CO2 pro Tonne Abfall verursacht.

Wenn ich diese Betrachtung hier abbreche, dann trägt die Müllverbrennung in der Tat mit ungefähr 12,5 Millionen Tonnen fossilem CO2 pro Jahr zur Emissionsbelastung bei. Weicht man unsinniger Weise von internationalen Berechnungsregeln ab, bezieht auch die biogenen CO2-Emissionen in die Rechnung mit ein, dann sind wir bei den 25 Millionen Tonnen pro Jahr, die von Umweltverbänden in die politische Diskussion eingeworfen werden. Das ist aber vollkommen übertrieben. Dann müssten wir auch jede Emission aus einem Biomasse- und Altholzkraftwerk oder aus der Nutzung von Biogas als klimarelevant betrachten und dann sähe es ziemlich dunkel aus mit unserer Erneuerbare-Energien-Bilanz in Deutschland.

Aber wenn man das tatsächliche Klimaschutzpotenzial der thermischen Abfallbehandlung bewerten will, sollte man sich fragen: Was machen die eigentlich mit dem Abfall? Da wird Wärme in einem Kessel produziert, verstromt und als Fernwärme oder Prozessdampf ausgekoppelt. Der Strom wiederum ersetzt anderen fossil erzeugten Strom. Da wir in Deutschland noch viel Strom aus Kohle- und Braunkohlekraftwerken beziehen, ist der Substitutionsfaktor an dieser Stelle aktuell sogar noch sehr hoch – wird aber zukünftig mit dem Ausbau der Erneuerbaren-Energien sinken. In der Fernwärme ersetzen wir Hausfeuerungsanlagen, die mit Gas oder Öl betrieben werden und durch Prozessdampf fossilen Energieträger in der Industrie. Wenn man das alles mit den Substitutionsfaktoren berechnet, kommt man auf den bereits erwähnten, beeindruckenden Wert von 7,39 Millionen Tonnen CO2-äquivalenten Einsparungen.

Rund zwei Drittel der ITAD-Mitglieder setzen sich heute intensiv mit der Umwandlung von elektrischer Energie in Wasserstoff am Standort ihrer Anlagen auseinander. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Die Möglichkeiten zur Nutzung von CO2 sind momentan noch sehr begrenzt, weshalb z. B. auch Carbon Capture (die Abscheidung von CO2) nur bei entsprechenden Rahmenbedingungen Sinn macht. Die Nutzung von elektrischer Energie zur Produktion von Wasserstoff, z.B. zur Nutzung an Wasserstofftankstellen für Fahrzeuge des ÖPNV, findet bereits heute statt. Hier ist zu hoffen, dass die Politik sachgerechte Rahmenbedingungen für die Wasserstoffproduktion aus Strom der Abfallverbrennung schafft, die eine Unterstützung des Aufbaus einer Wasserstoffwirtschaft durch unsere Branche erlaubt.

Ein weiteres Konzept ist die Umwandlung von CO2 mit Wasserstoff zu Methan oder Methanol. Aber auch dies ist sehr aufwändig, und derzeit ohne entsprechende Fördergelder kaum wirtschaftlich. Bevor man Energie aus der Abfallverbrennung aber gar nicht nutzt, weil z. B. die Sonne kräftig scheint oder der Wind stark bläst und die Netze somit mit Erneuerbaren-Energien ausgelastet sind, macht es Sinn, sie auch zur Erzeugung von Wasserstoff für Verkehr oder Industrie zu nutzen.

Was würde sich denn der Verband von der Politik wünschen?

Das, was sich jeder Verband letztendlich für seine Mitglieder wünscht: sachgerechte Rahmenbedingungen. Zumindest in den Ministerien haben wir bisher durchaus die Anerkennung gefunden, die der Branche gebührt. Das Bundesumweltministerium hat auf dem 20jährigen ITAD-Jubiläum gesagt: Müllvermeidung ist der Benchmark, an dem sich alle anderen Verfahren auch messen lassen müssen, was ihre Umweltverträglichkeit und Effizienz angeht. Ein sehr guter Standpunkt aus unserer Sicht.

Mit der neuen Bundesregierung haben wir noch keine intensiven Gespräche geführt, freuen uns aber auch hier auf weitere Diskussionen. Ich glaube, da sind viele Überschneidungspunkte, und ich hoffe, dass wir Frau Lemke und Herrn Habeck überzeugen können, welch wichtigen Beitrag unsere Mitglieder zum Klimaschutz leisten können, wenn die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Alle Angaben ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit