Statt „Produzieren-Konsumieren-Beseitigen“ gilt zunehmend „Produzieren-Konsumieren-Wiederverwerten“.
Statt „Produzieren-Konsumieren-Beseitigen“ gilt zunehmend „Produzieren-Konsumieren-Wiederverwerten“.
Foto: lukbar (iStock)

Perspektiven der Kreislaufwirtschaft Die wichtige Rolle der Abfallwirtschaft innerhalb der Kreislaufwirtschaft

International und national, im Globalen wie Lokalen, ist verstärkt ein Wandel von der traditionellen Linearwirtschaft hin zur nachhaltigen Kreislaufwirtschaft zu verzeichnen. Sonderabfallwissen wirft einen Blick auf die wichtige Rolle der Abfallwirtschaft innerhalb der Kreislaufwirtschaft. Auf ökologische Notwendigkeiten, wirtschaftliche Optionen und technologische Möglichkeiten.

  • Der Wandel der Linearwirtschaft hin zur Kreislaufwirtschaft gewinnt an Schwung. Die Dynamik im Namen einer umweltverträglichen Nachhaltigkeit lässt der Abfallwirtschaft eine wichtige Rolle zukommen.
  • Regenerative Technologien umfassen alle Aspekte der Abfallwirtschaft, reichen vom innovativen Recyclingsystem bis zu mannigfachen Verfahren zur Energiegewinnung durch Abfallverwertung.
  • Die Gewährleistung von Nachhaltigkeit ist auch eine Frage struktureller Vernetzung. Kreislaufwirtschaft geht nicht ohne die gesamten Wirtschaftsbeteiligten.

Ökologische Notwendigkeit und ökonomische Chance

Wir leben in eine Linearwirtschaft. Noch. Denn die seit der industriellen Revolution zum global vorherrschenden System der Linearökonomie avancierte Verwertungs-Trias „Produzieren-Konsumieren-Beseitigen“, hat sich heute, in Anbetracht eines im Weltmaßstab rapiden Bevölkerungswachstums bei schrumpfenden Ressourcen und zunehmenden Umweltbelastungen bis hin zum Klimawandel, nicht nur als Sackgasse, sondern auch als „Mutter aller Umweltprobleme“ entpuppt.

Doch ist die Lösung dieser Probleme nicht nur eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit, wie aktuell auch das sogenannte „Klimaurteil“ des Bundesverfassungsgerichts zeigt, sondern auch eine ökonomische Option. Circular Economy (Kreislaufwirtschaft) ist das Schlagwort und formuliert als solches auch ein Gebot der Stunde, das man zunehmend und in mehrfacher Hinsicht als Chance zu begreifen versteht. Für den Umweltschutz und die Wirtschaft.

Nachhaltigkeit ist das neue Leitprinzip. Bezogen auf ökologische wie soziale Aspekte. Und natürlich auch mit Blick auf ökonomische Prämissen. Politisch schlägt sich das auch in der 2030-Agenda nieder, die eine deutsche Nachhaltigkeitsstrategie im internationalen Kontext verankert.

Allgemein gilt der Grundgedanke: Nicht das Wachstum zu beenden ist Ziel der Kreislaufwirtschaft, sondern dieses Wachstum in einen Kreislauf zu bringen, der sich an der zyklischen Funktionsweise natürlicher Ökosysteme orientiert. Basierend auf der Prämisse der Einsparungs- und Wiederverwendungsmöglichkeiten von Rohstoffen geht es – international wie national, im globalen wie lokalen Maßstab – um die Installation eines umfänglich regenerativen Systems. In dem wiederum der Abfallwirtschaft eine wichtige Rolle zukommt.

„Neue Dynamik“ in der Kreislaufwirtschaft

In welchem Maße das gesellschaftliche Bewusstsein für die Circular Economy gewachsen ist, zeigt mit Blick auf Deutschland auch das 2020 novellierte Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG), dessen Grundlage die Vorgaben des europäischen Abfallrechtes sind. Neben einer Neujustierung von Recyclingquoten und Bestimmungen zur Produktverantwortung für Hersteller, installiert das KrWG auch Maßgaben für:

  • eine Selbstverpflichtung der Bundesregierung zur Bevorzugung von Rezyklaten,
  • die Obhutspflicht gegen die Zerstörung von Neuwaren und Retouren und
  • eine Kostenbeteiligung der Hersteller und Betreiber von Kunststoff-Einwegprodukten an der Reinigung öffentlicher Plätze.

Des Weiteren informierte 2020 zum inzwischen zweiten Mal ausführlich der „Statusbericht der deutschen Kreislaufwirtschaft“ über deren „derzeitige und künftige Aufgaben und Ziele“. Kontinuierlich ansteigende Investitionen in Personal und Technik, optimierte Standards der stofflichen und energetischen Verwertung, über 310.000 Beschäftigte in fast 11.000 Unternehmen und ein Umsatz von rund 85 Mrd. Euro. sprechen laut Statusbericht für eine „neue Dynamik in der aufstrebenden Kreislaufwirtschaft“. Eine Dynamik, die sich auch darin zeigt, dass heute bundesweit inzwischen annähernd so viele Menschen in der Kreislauf- wie in der Energiewirtschaft und rund viermal so viele wie in der Wasser- und Abwasserwirtschaft beschäftigt sind.

Statt „Produzieren-Konsumieren-Beseitigen“ gilt also zunehmend „Produzieren-Konsumieren-Wiederverwerten“. Die Prioritäten sind gesetzt:

  • Vermeidung klimaschädlicher Emissionen
  • Schonung der Ressourcen
  • Ausbau der Verwertungsmöglichkeiten von Sekundär­-Rohstoffen
  • alternative Energieerzeugung

Von der Erfassung über die Logistik, vom Recycling bis zur thermischen Behandlung gilt es, nach diesen Prioritäten Arbeitsabläufe wie auch die notwendigen Technologien auszurichten und zu optimieren. Für die Abfallwirtschaft heißt das vor allem, Entsorgung als maßgebliche Form der Energiegewinnung, als wesentlichen Bestandteil eines umfassenden regenerativen Systems zu nutzen.

Technologien regenerativer Systeme

Das Spektrum der Möglichkeiten ist dabei breitgefächert, reicht von der Treibstoffgewinnung aus der CO2-Abscheidung bis zur Wasserstoffgewinnung aus energetischer Abfallverwertung, vom mikrobiellen Abbau von Schadstoffen bis hin zum Altpapier-, Glas- und Kunststoffrecycling. Letzteres ist laut „Statusbericht der Kreislaufwirtschaft“ ein „Schwerpunktthema“, was sich nicht nur der fraglos hohen Umweltbelastung durch Kunststoffe (rund 6,30 Millionen Tonnen Abfälle im Jahr 2019), sondern auch einer zunehmenden medial forcierten Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Problem verdankt – Stichwort: Plastikmüll im Meer. So verständlich diese öffentliche Fokussierung ist, so oft geraten dadurch auch andere wichtige Gebiete und Aspekte der regenerativen Abfallverwertung aus dem Blickfeld. Auf einige davon sei hier exemplarisch verwiesen:

  • Neutralisation, Konditionierung, Fällung von Schadstoffen aus wässrigen Gemischen: Chemisch-physikalische Behandlungsanlagen (CP-Anlagen) sorgen für die Abtrennung von Schadstoffen aus Industrieabwässern. In technologisch hochkomplexen Prozessabfolgen können in CP-Anlagen Öl-und Wassergemische, Öl- und Benzinabscheiderinhalte, Sandfangrückstände, Säuren- und Säuregemische, Laugen- und Laugengemische, verunreinigter Bohrschlamm usw. einer Stoffabfalltrennung und Umwandlung unterzogen werden. Am Ende des Prozesses werden die gereinigten Rohstoffe in den Verwertungskreislauf zurückgeführt.
  • Metallrecycling: Oftmals nutzen Industrie, Handel und Gewerbe Metallbehältnisse (Metallemballagen), auch für schadstoffhaltige Füllgüter. Technologisch ist es mittlerweile möglich, diese Schadstoffrückbestände aus den Emballagen umweltfreundlich zu absorbieren. Danach werden die Behältnisse nach ihrem Materialcharakter sortiert; Weißblech, Eisenschrott, Aluminium usw. können so zur Neu- und Weiterverwertung zurückgewonnen werden.
  • Altölrecycling durch Zweitraffination: Öl, das als Brenn- oder Treibstoff verwendet wird, geht schon beim Gebrauch durch Verbrennung verloren. Anders liegt der Fall bei Schmierölen. Da die grundsätzliche Schmierkraft der Ölmoleküle sich nach starker und langer Nutzung zwar einschränkt (etwa durch eingedrungene Schmutzpartikel und Metallabtrieb), aber grundsätzlich nicht verloren geht, können Altöle (Restbestände von Motor-, Hydraulik- oder Getriebeöl) durch erneute Raffination in den qualitativ hochwertigen und sauberen Zustand von Neuöl zurückgeführt werden. Lediglich Wasser-Altöl-Emulsionen sind nicht raffinationswürdig. Ihre Aufbereitung wäre schlicht zu teuer und damit unwirtschaftlich.

Thermische und thermo-chemische Verfahren

Ein auch bezüglich technischer Innovationen weites Feld, sind die thermischen Verfahren zur Gewinnung von flüssigen, gasförmigen und festen Ersatz- oder Sekundärbrennstoffen. Denn so wichtig auch fossile Energieträger (Kohle, Gas, Öl) noch bleiben werden – ihre Ressourcen sind naturgemäß nicht nur begrenzt, sondern ihr Abbau wird ökologisch auch zunehmend kritisch bewertet. Im Gegenzug dazu garantiert die Brennstoffnutzung von Substituten aus stofflich nicht verwertbaren Abfällen nicht nur einen hohen Heizwert, sondern ist darüber hinaus dank niedrigerer CO2-Belastung bei gleichzeitiger Schonung der Ressourcen, auch die umweltverträglichere Alternative. Einige Beispiele exemplarisch skizziert:

  • Die nach mehrmaligem Recyceln nicht mehr verwendbaren Fasern von Papier und Karton werden als Papierschlamm abgeschieden. Als solcher sind sie für viele Industriebereiche als Sekundärbrennstoff nutzbar.
  • RDF (Refused Derived Fuel) ist eine aus verschiedenen nicht-recycelbaren Betriebsabfällen hergestellte Brennstoff-Mischung.
  • TDF (Tyre Derived Fuel) wird vorrangig aus dem Gummi alter Auto- und Lkw-Reifen gewonnen. Nach Entfernung der Felgen werden die Reifen zu Schnipseln (5 cm und kleiner) geschreddert. Das zerkleinerte Material findet als Brennstoff vor allem bei Zementöfen Verwendung.
  • Hydrothermale Carbonisierung ist ein thermo-chemisches Verfahren, das Biomasse in eine als HTC-Kohle bezeichnete Biokohle mit braunkohle-ähnlichen Brennstoffeigenschaften umformt.
  • Hydrothermale Verflüssigung ist die thermo-chemische Umsetzung von Biomasse mit hohen Wassergehalten (Holzmehl, Zuckerrübenschnitzel, Schweinegülle) in ein flüssiges, energiereiches Öl, das sich als Kraftstoff nutzen lässt.

Ein weiterverwertbares „Abfallprodukt“ ist REA-Gips. Gewonnen wird dieser aus den Rückständen von Rauchgasentschwefelungsanlagen. Das in den Abgasen enthaltene Schwefeldioxid reagiert dabei mit einer Calciumoxid- oder Calciumcarbonatsuspension und wandelt sich unter Zugabe von Sauerstoff zu Gips. Chemisch ist dieser identisch mit Naturgips und somit ebenso zur Herstellung von Baustoffen oder auch als Düngemittel geeignet.

Ein thermisches Trennverfahren ist die Rektifikation/Redestillation von Lösemitteln. Die Rektifikation (Gegenstromdestillation) ist ein Prozess zur Auftrennung und Separierung einer aus zwei oder mehreren Stoffen bestehenden homogenen Lösung. In der Abfallwirtschaft wird das Verfahren genutzt, um aus mit Lösungsmitteln angereicherten Lacken, Druckfarben oder Klebstoffen die Inhaltsstoffe zu separieren, Feststoffe und Lösungsmittel zu recyceln und somit neu in den Verwertungskreislauf zu integrieren.

Ökonomisch-technologische Symbiose und strukturelle Vernetzung

Nicht in jedem Fall ist eine stoffliche Weiterwertung von Abfällen zielführend (siehe Altölrecycling), beziehungsweise (etwa bei bestimmten gefährlichen Substanzen) schlichtweg auch nicht möglich. In diesen Fällen bleiben, je nach Sachlage, als Optionen die fachgerechte Deponierung oder Verbrennung. Doch was die Strom- und Wärmeenergiegewinnung aus der Müllverbrennung betrifft, hat der Interessenverband der Thermischen Abfallbehandlung in Deutschland e. V. (ITAD) mit dem Slogan „Waste-to-Energy“ klar gemacht, dass die Branche die Herausforderungen der Circular Economy angenommen hat.

Vor Herausforderungen stellt das neue KrWG dabei auch die Kommunen. Nicht nur mit ambitionierten Recyclingquoten, sondern auch bezüglich der Getrenntsammelpflichten, bei denen jetzt nicht mehr der Input in einen Sortierprozess maßgeblich ist, sondern der Output, der tatsächlich einem Recyclingverfahren zugeführt wird.

Die Möglichkeit zur Schaffung hochwertiger Rezyklate setzt freilich erst einmal eine entsprechend grundlegend angepasst engmaschige Struktur von Erfassungs-, Sortier- und Aufbereitungsmöglichkeiten voraus. Gerade auch was diese Grundvoraussetzung betrifft, gilt, was der Statusbericht der deutschen Kreislaufwirtschaft im Gesamtblick generell konstatiert: „Ohne die Aufrüstung, Erweiterung oder Neuplanung von Anlagen sind die wachsenden Anforderungen, denen sich die Kreislaufwirtschaft stellen muss, nicht zu erfüllen“.

Deutlich wird: Kreislaufwirtschaft geht nicht ohne Kommunalwirtschaft. Was im globalen Maßstab gilt, gilt auch im lokal-kommunalen. Die Schaffung einer ökonomisch-technologischen Symbiose funktioniert nicht ohne strukturelle Vernetzung.

Quellen

Alle Angaben ohne Gewähr und Anspruch auf Vollständigkeit